Gehirn im Ausnahmezustand

Gehirn im Ausnahmezustand – Bleiben Sie gelassen

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die Entwicklung unserer Kinder aus?

Bericht: -gru-

 

Dieser Frage ging  der Neurowissenschaftler Prof. Dr. med. Dieter F. Braus in der Vortragsreihe „KINDerLEBEN“ nach. In unserer schnelllebigen Zeit mit permanenter Erreichbarkeit, hoher Mobilität in Schule, Beruf und Freizeit nehmen seelische Erkrankungen wie Burnout, ängstliche Depressionen, Schmerzkrankheiten und Suchterkrankungen nicht nur bei uns, sondern weltweit zu. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Ökonomisierung in allen Lebensbereichen, den Verlust familiärer Strukturen und allgemein verbindlicher Werte. Die Komplexität der Globalisierung mit ständigen Unvorhersehbarkeiten verunsichert Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Auf der Suche nach Selbstversicherung flüchten sich viele in Videospiele und soziale Netzwerke. Klassische Kommunikationsformen treten dabei immer mehr in den Hintergrund. Das Smartphone ist stetiger Begleiter und Garant ständiger Verfügbarkeit wie auch Informationsquelle. Der Referent wird zur Reflexion über diese Lebensbedingungen und deren Auswirkungen auf unser Kinder, deren Sprachentwicklung und Schulbildung sowie auf die seelische Gesundheit von uns allen anhand empirischer Daten anregen. Prof. Dr. med. Dieter F. Braus ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie an der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden. Als Universitätsprofessor und Neurowissenschaftler beschäftigte er sich in den letzten Jahren u.a. mit dem „sozialen Gehirn“, den Auswirkungen sozialer, stress-assoziierter Faktoren wie auch des Medienkonsums auf die seelische Gesundheit. Er entwickelte ein Präventionsprogramm für psychische Gesundheit, das besonders auch Bewegung, Achtsamkeit, Kunst und Musik beinhaltet.

 

 

Vom Steinzeitmenschen zum Smartphone-User

Wie wirkt die Digitalisierung auf unsere Entwicklung? Das Smartphone als ein stetiger Begleiter von Kindern und Erwachsenen steht für ständige Verfügbarkeit und oft auch für eine Flucht in soziale Netzwerke oder Videospiele. Dies hat Auswirkungen auf Kommunikationsformen, Lebensbedingungen und die Hirnentwicklung. Burnout, ängstliche Depression, Schmerz- und Suchterkrankungen nehmen zu. Welche Konsequenzen hat die Dauernutzung digitaler Medien bezogen auf die seelische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen? Welche Veränderungen zeigen sich in der Sprach- und  Gehirnentwicklung von Kindern? Was bedeutet dies für die Schulbildung? Anhand empirischer Daten wurden Zusammenhänge aufgezeigt und eine kritische Reflexion angeregt.

 

Die große Baustelle Hirn

Im Gehirn finden in der Pubertät ausnehmend spannende Veränderungen statt. Es sei eine große Baustelle, die  im Kopf eingerichtet werde und  den Menschen auf das Erwachsensein vorbereitete.

Im Gehirn werden vor der Pubertät in Windeseile viele neue Verbindungen geschaffen, sogenannte Synapsen und Dendriten. Dieser Überschuss wird mit der frühen und mittleren Pubertät radikal reduziert um bis zu 70 Prozent. Nur Kontakte, die in der Pubertät benutzt und benötigt werden, überleben und werden gestärkt nach dem Motto „use it or lose it“. Gleichzeitig verdichten sich die Nervenzellen in der Hirnrinde und die Bahnen werden stärker isoliert. Dadurch wird die Gehirnleistung enorm gesteigert. Gerade die frühe und mittlere Phase der Pubertät biete Chancen zur Optimierung von Hirnfunktionen, gleichzeitig sind es aber auch Phasen, die höhere Risiken bergen.

 

Dopaminsystem

In dieser Zeit wird das sogenannte Dopaminsystem – man könnte es als das Betriebssystem beispielsweise für Motivation, Lernen, Kontrolle bezeichnen – erst final reif. Gerade Umweltfaktoren, die auf Dopamin wirken wie Drogen oder übermäßiger Konsum von elektronischen Medien und Internet-Gaming können dabei über epigenetische Prozesse ungünstige bleibende Effekte auf dieses wichtige Betriebssystem unseres Gehirns haben.

Mit 75 bis 80 Prozent zum erfolgreichen Ergebnis

In mindestens 75 bis 80 Prozent führt die Pubertät zu einem erfolgreichen Ergebnis, auch wenn sie zeitweise für die Jugendlichen und die Eltern sehr anstrengend und aufwühlend war. Bei den restlichen etwa 20 Prozent können zum Beispiel genetische Faktoren, schwerwiegende traumatische Ereignisse in der frühen Kindheit und Pubertät, sowie Alkohol- und Drogenkonsum im Alter unter 18 Jahren die Vulnerabilität, sprich die Anfälligkeit, für die großen psychiatrischen Erkrankungen signifikant steigern. Es geht hier um Suchterkrankungen, Essstörungen und natürlich auch Angsterkrankungen, die in depressiven Störungen münden können.

 

Bezugspersonen

Bezugspersonen spielen eine große Rolle für die Pubertierenden. Pubertät kommt nicht unerwartet. Kinder sollten dabei am Modell ihrer Bezugspersonen lernen, Selbstkontrolle zu üben, positive Emotionalität zu erleben und zuzulassen, kleinere Entscheidungen selbst zu treffen, um Selbstwirksamkeit zu erfahren, und sich positiv sozial einbringen zu lernen.

Außerdem ist es unerlässlich, dass im Familienverbund Vertrauen und Verlässlichkeit als unumstößlich wichtige Werte etabliert werden. In der Pubertät geht es darum, die Kinder in ihrem Spannungsfeld zu sehen, ihre Leistungen zu würdigen und ihnen zunehmend mehr Selbstbestimmung sowie Selbstverwirklichung zu erlauben.