Bad Münstereifel - Forschungsprojekt - Zwischenbericht

22. Februar 2016 (PEK160222 - he)

Köln / Bad Münstereifel. Ein Jahr nach Beginn des Projekts zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt am 1997 aufgegebenen Collegium Josephinum Bad Münstereifel steht fest: Auch im Konvikt Bad Münstereifel hat es mehrfach Gewalt gegen Jungen in unterschiedlicher Form gegeben. Das haben die inzwischen zahlreichen Gespräche und Interviews mit Ehemaligen ergeben. Zu den berichteten Gewalttaten zählen sexuelle Übergriffe, sexueller Kindesmissbrauch bzw. Missbrauch von Schutzbefohlenen, Erziehungsgewalt durch Ohrfeigen, Misshandlung z. B. durch Faustschläge und Tritte sowie durch psychische Gewalt, etwa durch verbale Demütigungen und Abwertungen.

 

Nicht Taten eines Einzelnen

Bis weit in die 1970er Jahre beeinflusste Gewalt die Lebensrealität von offensichtlich nicht wenigen Kindern und Jugendlichen im Internat. Diese Erfahrung beeinträchtigt manche Betroffene bis in die Gegenwart schwer. Nach bisheriger Datenlage kann erst ab Mitte der 1980er Jahre von einem Ende der sexuellen und körperlichen Gewalt im Collegium Josephinum gesprochen werden. Ehemalige, die das Konvikt seitdem besucht haben, berichten fast durchgängig über eine sehr fürsorgliche, wohlwollende und unterstützende Betreuung und Erziehung im Internat, die das Empfinden einer tragenden Gemeinschaft bestärkte.

 

Nach Schilderungen der Betroffenen war die Gewaltausübung nicht die Tat eines Einzelnen. Vielmehr wurden bislang insgesamt sechs im Internat tätige Fachkräfte in unterschiedlichen Positionen von den Opfern als gewalttätig in einer oder mehreren der genannten Formen beschuldigt. Eine Lehrkraft, die Jungen außerhalb des Internats Nachhilfe erteilte, wurde als weitere Person der schweren Gewaltausübung beschuldigt.

 

Ehemalige sollen sich weiter melden

Mit dem Zwischenbericht hofft das Projektteam, weitere Betroffene zu einer Mitwirkung an der Aufarbeitung zu ermutigen. „Es ist uns ein großes Anliegen, Ehemalige des Internats, die Gewalt erfahren haben, zu einem kleinen Schritt aus der gefühlten Isolation zu helfen“, so die wissenschaftliche Projektleiterin Prof. Dr. Claudia Bundschuh. „Die Überzeugung ‚mit mir stimmt etwas nicht‘, ‚ich bin nicht in Ordnung‘, ‚ich bin selbst schuld‘ lässt Opfer häufig glauben, dass sie Wertschätzung und Anerkennung, Mitgefühl und Trost für erlittenes Leid nicht verdient hätten. Wir möchten ihnen deutlich machen, dass sie ein Recht darauf haben, Gehör zu bekommen. Und wir wollen Opfern die Gelegenheit geben, sich durch die Offenlegung ihrer Erfahrungen mindestens ein klein wenig zu entlasten“, so die Erziehungswissenschaftlerin von der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. Ihr ist wichtig: „Weiterhin steht das Projekt auch Ehemaligen offen, die ihre Zeit im Internat als biografisch wertvollen Lebensabschnitt betrachten. Auch die Offenlegung ihrer Erfahrungen ist ein wichtiger Beitrag, um die Geschichte des Internats im Abschlussbericht realitätsnah nachzuzeichnen.“

 

Damit dies gelingt, sollen in dem Forschungsprojekt noch möglichst viele Ehemalige gehört und ihre Erfahrungen in ihrer ganzen Bandbreite einbezogen werden. Voraussichtlicher Abschluss der Interviews ist der 30. Mai 2016. Bis dahin können interessierte Ehemalige des Konvikts weiterhin per Mail über info@pro-cj.de oder mündlich unter der Telefonnummer 0800 0005534 kostenfrei einen Gesprächstermin vereinbaren.

 

Das wissenschaftliche Projekt zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs körperlicher und psychischer Gewalt am Collegium Josephinum Bad Münstereifel war Anfang 2015 auf Initiative ehemaliger Betroffener begonnen worden. Es stellt die Aufarbeitung mit und für Betroffene in den Mittelpunkt; sie orientiert  sich an ihrem Erleben und ihren Bedürfnissen orientiert. Oberstes Ziel ist es, ehemaligen Betroffenen die Gelegenheit und einen geschützten Raum zu bieten, ihre Erlebnisse und Erfahrungen offenzulegen.

 

Weitere Informationen:  info@pro-cj.de